Archiv ausgewählter Stücke
Iphigenie auf Tauris
Handeln heißt Gewalt ausüben, Sprechen heißt Gewalt verhindern. Diesen
Schritt macht Orest – er begeht die Tat, wiederholt sie noch einmal im
Reden, ersetzt sie schließlich durch Reden. Dieser Schritt wird möglich,
weil Iphigenie den überkommenen gesellschaftlichen Werten den Anspruch
„wahrer Menschlichkeit“ entgegensetzt: Handelten die Atriden nach der
Maxime „Was mir nicht passt, bringe ich um“, so Iphigenie danach, dass
sie mit dem, der nicht ihren Erwartungen entspricht, so lange redet, bis
sich etwas ändert. Dass Thoas dabei draufzahlt, trübt die Freude an der
so zu erreichenden schönen Humanität, macht uns aufmerksam auf die ihr
innewohnende Dialektik, die sie gleich wieder in Frage stellt. Der
Widerspruch zwischen humanem Anspruch und gesellschaftlicher
Wirklichkeit geht mitten durch uns hindurch. Das ist der Widerspruch der
Iphigenie; nur wird er in der vollendeten ästhetischen Form aufgelöst.
So „handelt“ das Stück von „Sprache“. „Iphigenie auf Tauris. Ein
Schauspiel.“
Text: Bayerisches Staatsschauspiel