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Molières „Tartuffe“ in Augsburg
Molières „Tartuffe“ ist in die Theaterliteratur eingegangen als der Erzheuchler schlechthin: Er predigt Wasser, trinkt den Wein der anderen und sehnt sich dabei nach Schnaps. Das alles geschieht unter der Tarnung eines gottgefälligen Lebens. Molière hat in seinem Stück einen zeitlosen Typus Mensch beschrieben, der sich bis in die jüngsten Tage und die allerhöchsten Ämter hinein findet. Gab es jüngst in Berlin nicht einen Minister, der im eigenen Ministerium beckmesserte, selbst aber seine Doktorarbeit abgeschrieben hatte? Gab es in Augsburg nicht einen frommen Bischof, der sonntags dem Land ins Gewissen sprach, dem es aber schwer fiel, sich an verteilte Prügel zu erinnern? Es ist also nicht unangemessen, Molières bitterböse Komödie auch in Augsburg aufzuführen. Auf der Ersatzbühne im Textil- und Industriemuseum hat Sigrid Herzog einen unterhaltenden „Tartuffe“ inszeniert.
Eiskalt selbst in der Hitze des Liebesgefechts
... Akteure vor allem beleben den Abend: Martin Herrmann als unbelehrbarer Orgon, der für Tartuffe nicht nur sprichwörtlich das letzte Hemd auszieht; eine verführerische und sinnliche Elmire von Judith Bohle; vor allem aber der durchtriebene und noch in der Hitze des Liebesgefechts eiskalte Tartuffe von Marcus Calvin. Die Übersetzung des Stückes von Rainer Kohlmayer ist spritzig; ...
Richard Mayr, Augsburger Allgemeine, 28.12.2012
Tod eines Glücksverheißers
Donaukurier, 28.11.2011 19:30 Uhr Augsburg (DK)
Sein Schwager Cléante erklärt es Orgon gleich im ersten Auftritt: Wie die Mechanismen der Heuchelei, der Frömmelei und der Verlogenheit funktionieren, wie die falschen Propheten „zur Waffe machen, war wir ehren.“ Doch nicht der analytische Verstand des Aufklärers Cléante öffnet dem verblendeten Orgon die Augen, es sind weiblicher Pragmatismus, List und Verführungskunst, die dem verirrten Bürger zeigen, was für ein geiler und gieriger Betrüger hinter dem scheinbar so frommen Tartuffe steckt. Sigrid Herzog macht in ihrer Augsburger Inszenierung aus dem religiösen Heuchler einen windigen Lebensberater und einen esoterischen Glücksversprecher.
Marcus Calvin zeigt aber auch einen vielschichtigen Tartuffe: demütig bis zur Selbsterniedrigung als Heuchler, diabolisch und gierig, wenn er seine Maske fallen lässt. Auf der anderen Seite zeichnet Herzog ein brillantes Familienpsychogramm, das erklärt, warum der anständige, wohlhabende und ein bisschen biedere Orgon auf diesen Verführer reinfallen musste und ihn bei sich aufnahm: Gleich zu Beginn erleben die Zuschauer, wie ein neues Sofa gebracht wird: riesig, lang, grellgrün und schrill, genauso wie die Familie in ihren lauten und etwas zu modischen Kleidern (Bühne und Kostüme Isabelle Kittnar). Man kann sich hier einiges leisten, auch schräge Bilder an der Wand und Möbel, auf denen man nicht sitzen kann. Eva Maria Keller als Mutter Orgons, eine brillante Familien-Generalissima, hat mit ihrer Standpauke nicht unrecht: Hier herrschen Oberflächlichkeit, Materialismus, Übersexualisierung und die ewige Party. Kein Wunder, dass dem Herr des Hauses der Sinn nach Tiefe und Substanz steht – und dann werden schon mal falsche Angebote angenommen. Sigrid Herzog zeigt aber auch die Lähmung und Lethargie dieser Familie: Bis auf Orgon und seine Mutter durchschauen alle Tartuffe, reagiert wird aber erst, als er die Verlobung seiner Tochter Mariane (zart, blond und schön naiv gespielt von Sarah Bonitz) gelöst hat und sie mit Tartuffe verheiraten will. Dazu überschreibt er dem Betrüger sein gesamtes Vermögen. Motor des Widerstands gegen Tartuffe und zugleich das geheime Zentrum der Inszenierung ist Lucy Wirth als Zofe. Die pragmatische und resolute Dienerin nimmt die Handlung in die Hand, geigt Orgon die Meinung, richtet Mariane auf und schlichtet den Streit mit deren Verlobten Valère (Nicholas Reinke), handelt, wo die anderen gelähmt sind, spricht, ja schreit, wo die anderen schweigen und lehnt sich auf, wo die anderen in Selbstmitleid schwelgen. Mitunter eröffnet Lucy Wirth eine Solo-Nebenbühne, kommentiert die Handlung mit kleinen Gesten und großer Mimik und macht aus dem Mauerblümchen mit Hornbrille und Dutt die präsenteste Figur des ganzen Stücks. Es sind nuancierte Verschiebungen der Perspektive und dosiert eingesetzte Brechungen, ironische Tanzeinlagen, hier ein kleines Stück Schokolade, dort eine verlorene Sonnenbrille oder behutsame sprachliche Modernismen, mit denen Sigrid Herzog das Spiel zwischen realistischem Detail und grotesker Verzerrung, zwischen dem Zoom auf die Innenperspektive und dem Cinemascope-Blick auf die Gesellschaft pendeln lässt. Verführbar ist natürlich auch Tartuffe. Er geifert nach Orgons Frau Elmire, und Judith Bohle zelebriert augenzwinkernd das ganze Repertoire weiblicher Verführungskunst: hohe Schuhe, tiefer Blick, wiegende Hüften, laszives Lümmeln auf dem unmöglichen Sofa; bei so viel Erotik wird der asketische Enthaltsamkeitsprediger schnell zum Affen. Gleichwohl: Haus und Vermögen sind weg. Was also tun? Molière ließ den König Gerechtigkeit über das Recht setzen und Tartuffe verhaften. Sigrid Herzog und Dramaturg Tobias Vogt haben sich einen anderen Schluss einfallen lassen, der sozusagen demokratisch und archaisch zugleich ist: den kollektiven Mord an Tartuffe. Darüber lässt sich trefflich diskutieren. Gut so. Ein selten unterhaltsamer und selten anregender Theaterabend, den das Premierenpublikum zu Recht bejubelte.
Von Berndt Herrmann
Molières „Tartuffe“ im tim: der Seelencoach als Verführer
Von Frank Heindl aus der DAZ
Ein tiefer, etwas bedrohlicher Basston vom Akkordeon eröffnet den Abend – und ab dann wird Tango getanzt. So könnte man, übertrieben kurz, den Molièreschen „Tartuffe“ zusammenfassen, wie ihn das Stadttheater unter Regie von Sigrid Herzog auf die (nicht vorhandene) Bühne des Textilmuseums bringt. Um es vorweg zu nehmen: Ein Abend der leichten Muse zwar, aber ein Abend des großen Vergnügens, des perfekten Timings und eines glänzenden Ensembles.
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Wie der Wutbürger zum Plebs wird
Der Plan, Tartuffe doch noch bloßzustellen, in dem man dessen Werben um die Frau des Hausherrn offenbar macht, ist ein weiterer großer Spaß für alle Beteiligten inklusive Publikum. Sogar Elmire selbst (Judith Bohle) schwankt ein wenig zwischen Lust und Entsetzen, scheint ein paar Momente lang nicht abgeneigt, den Schabernack eine Spur zu weit zu treiben – zumal ihr Mann, unterm Sofa versteckt, sich der Realität verweigert: Er will und will nicht glauben, dass Tartuffe, der hoch verehrte Asket im hochgeschlossenen schwarzen Gewand (Marcus Calvin), ein Betrüger ist, schreitet selbst dann nicht ein, als dieser sich mit bedrohlich gerafften Unterhosen auf Elmire zu stürzen droht. Das ist der Moment, in dem die Inszenierung hart an den Rand der Klamotte gerät.
Doch mag das die Absicht der Regisseurin gewesen sein. Denn ihr Tartuffe ist nicht mehr ein Vertreter jenes katholischen Klerus, der sich bei der Uraufführung im Jahr 1664 – und zu Recht – derart verunglimpft sah, dass er ein Aufführungsverbot erwirkte. Es ist ja heute kaum mehr üblich, sein Vermögen der Kirche oder einem ihrer Vertreter zu vermachen. Doch auch wir haben jede Menge Gutmenschen zur Auswahl, denen wir auf den Leim gehen können – man muss sich gar nicht bis in die 70er-Jahre zurück an einen orangegewandeten Guru erinnern, dem seine Anhänger einen Rolls Royce nach dem anderen verehrten. Marcus Calvin spielt den Tartuffe als eines dieser alerten, nie um Antwort und verständnisvolle Geste verlegenen Mischwesen aus Manager, Berater, Seelencoach und Psychotherapeut: „Lass den Himmel durch dich gehen“, empfiehlt er Orgon, als dieser sich zu sehr erregt, und atmet ihm beruhigend vor. Sein Klient aber hat schon viel gelernt: „Ich bin irgendwie blockiert“, erklärt Orgon seine Verwirrung und vermacht ihm gleich noch Haus und Vermögen.
Deshalb ist es, als Tartuffes Blenderei offenbar und die erzwungene Hochzeit verhindert wird, trotzdem längst zu spät. Den rettenden König, den Molière in letzter Minute dem Orgon beistehen lässt, enthält Sigrid Herzog dem Publikum vor – sie deutet eine drastischere Lösung an, aus der aber auch nichts wirklich Gutes erwachsen kann. Der Tango ist unmerklich verklungen, die Wutbürger werden unvermutet zum Plebs und rächen sich am Verführer, der ihnen doch nur die eigene Dummheit vor Augen geführt hat. Viel herzhaftes Gelächter, langer Applaus, viele Bravos für Schauspieler und Regie.
Mit lüsternem „ratsch!“ lässt Marcus Calvin die Hüllen fallen und gibt den Tartuffe als drahtigen Fitness-Trainer ganz ohne Heiligenschein. (Foto: Schölzel)
Spaßmacher sollte Molière nach dem Willen Seiner Majestät Ludwigs
XIV. sein, mehr nicht. Und doch ist ihm auch manche Charakterkomödie mit
Tiefgang herausgerutscht – der Tartuffe etwa, wo ein abgefeimter
Schurke eine ganze Familie ins Unglück zu stürzen droht. In Sigrid
Herzogs turbulenter Inszenierung auf der Augsburger tim-Bühne dominiert
jedoch allemal der Spaß, ein paar Ausrutscher in Jux, Dollerei und
Albernheiten inklusive. „Saulustig war’s!“, so eine vom vielen Lachen
sichtlich erschöpfte junge Zuschauerin.
Lindgrün, grasgrün,
froschgrün und giftgrün sind die Grundfarben der mit einem sich längs
über das Geviert erstreckenden Canapé bestückten Bühne, der zahlreichen
Sofakissen und auch der flotten zeitgenössischen Kostüme,
alles entworfen von Isabelle Kittnar. Einer ausgenommen: der Titelheld.
Man kennt ihn als frömmelnden Parasiten in schmuddelig abgewetzter
Priestersoutane. In Herzogs Inszenierung trägt er jedoch einen edlen
schwarzen Jogging-Anzug mit Reißverschluss, den er mit lüsternem
„ratsch!“ herunterreißt, bevor er sich auf die leckere Elmire stürzt.
Marcus
Calvins Tartuffe ist ein drahtiges, knuspriges Bürschchen mit
Festanstellung in der Mucki-Bude (Fitness-Trainer sollen ja schon junge
Damen von ganz anderem Kaliber rumgekriegt haben). Der Heiligenschein
steht ihm weniger gut als die brünftige Gier, mit der er nicht nur die
Gattin des Hausherrn beleckt, sondern auch die Finger nach dem dritten
Schlag Rebhuhnbraten.
Vom Gurren und Zwitschern
Elmire, gespielt von Judith Bohle, ist eine hinreißende Mischung aus
wild die Lockenmähne schüttelndem Vamp und sittsamem Täubchen. Wenn sie
mit Raffinesse und Schamlosigkeit den vor Geilheit fast platzenden
Täuberich angirrt, angurrt und anzwitschert, dann schlagen nicht nur
Ornithologenherzen höher.
Martin Herrmann als Familienoberhaupt Orgon
hat es da nicht immer leicht. Er überzeugt zwar als patriarchalischer
Papa mit dem üblichen Gebrüll, aber die maßlos tumbe Verblendung, die
ihn zu Tartuffes willfährigem Opfer macht, bleibt ein bisschen auf der
Strecke. Da hat die bigotte Großmutter Madame Pernelle den einfacheren
Part. Mit einem Schuss Queen Elizabeth in der Frisur zeigt sich Eva
Maria Keller not very amused über den heftigen Protest der gottlosen
Restfamilie gegen die Allmacht des frommen Hausgenossen.
Vor allem
die Jungen sind es, die aufbegehren: Sarah Bonitz als beleidigte,
heulende und zickende Tochter Mariane, die sich wegen dieses blöden
Tartuffe auch noch mit Valère, ihrem Liebsten, zofft, den Nicholas
Reinke mit der handfesten Zuverlässigkeit einer treuen Sandkastenliebe
ausstattet.
Den Sohn Valère spielt Alexander Darkow als brauseköpfigen Haudrauf,
der notfalls auch allein gegen tausend Tartuffes ins Feld ziehen würde.
Bei so viel Tempo und Temperament verhallen die Ermahnungen des Onkels
Cléante ungehört. Philipp von Mirbach verleiht ihm vom Rande des
Geschehens aus das nötige Quantum Besonnenheit und Lebensklugheit, auch
wenn’s nichts nützt.
Was allein nützt, um den Karren aus dem Dreck zu
ziehen, das ist die List der Zofe Dorine, gewiss die dankbarste Rolle
in dieser pseudotragischen Familienkomödie. Aber die muss man auch erst
mal so hinkriegen wie Lucy Wirth. Einfach atemberaubend, was die junge
Dame stimmlich, körperlich und mit einer enormen Bandbreite vom biederen
Dienstmuffel bis hin zum quirligen Knallfrosch alles anstellt.
„Herrgott,
wie überspannt!“, schallt es einmal mitten aus der Kissenschlacht des
unglaublich spielfreudigen Ensembles. Das gilt vielleicht für die ganze
Inszenierung und vor allem auch für einen Schluss, der so gar nicht
„Molière“ ist. Aber saulustig war’s allemal.
BSZ Bayerische Staatszeitung (Hanspeter Plocher)
Leere Stadt

Leere Stadt ist ein Stück für zwei Personen des mazedonischen Autors Dejan Dukovski, der sich vornehmlich mit dem Trauma des Balkankrieges auseinandersetzt. Es geht um zwei Brüder, Gjore und Gjero, die auf der jeweils anderen Seite kämpfen und eine letzte gemeinsame Nacht in einer geisterhaften Stadt verbringen, deren Bewohner längst geflüchtet sind. Calvin spielt bei der deutschen Erstaufführung den Älteren der beiden, Gjore, den Heimkehrer, der schon die weite Welt gesehen hat (New York! Japanerinnen!?). Das Stück mit seinen mitunter an Beckett anmutenden absurden und kargen Dialogen schwankt zwischen existentialer Tragödie und hinreißender Komik. Nichts scheint wahr zu sein in dieser Nacht, die Brüder belügen und betrügen sich wo es nur geht. Das einzig Wahre ist das Spiel.
Das greift das Bühnenbild auf, in dem es einen Spielplatz als Grundstruktur wählt. Die Inszenierung verlangt den Darstellern alles ab. Calvin besticht im Zusammenspiel mit Felix Klare durch ausdrucksstarke Präsenz. Er agiert präzise wie ein Uhrwerk - bis in die letzte Sekunde eines Schweigens oder bis in die letzte Silbe eines zerdehnten Wortes hinein. Er vermag es, das große Spektrum zwischen dem so eng beieinander liegenden Tragischen und Komischen zu besetzen. Ein Höhepunkt ist das Spiel im Spiel, wenn aus Gjore und Gjero Ophelia bzw. Julia werden. Gjores Ophelia entwickelt sich bei Calvin aus dem Geist der Ahnungslosigkeit mit den wohl eingesetzten Mitteln des Slapsticks nahezu zwangsläufig in ein perfekt komisches Panorama.
Christoph Oellers
Kritik:
Den „Helden“-Darstellern Marcus Calvin und Felix Klare gelingt es [...], die Krieger immer wieder aus ihren Macho-Posen in die flattrig-zarte Ratlosigkeit unfreiwilliger Clowns kippen zu lassen.
Alexander Altmann, Münchner Merkur
Beide Darsteller wechselten mühelos den Habitus zwischen Brutalität und zwingender Menschlichkeit. Marcus Calvin gelangen als Gjore in diesem apokalyptischen Treiben sogar komische Momente. Er hatte die Figur des (vermutlich) älteren Bruders ein wenig tumb angelegt. Gelegentlich konnte man ihm beim Denken zuschauen, was die Figur fassbarer machte und den fiktional-philosophischen Ansatz des Dramas authentischer werden ließ.
Wolf Banitzki, theaterkritiken.com
Letzte Vorstellung: 6. Juli, 20 Uhr
Rose Bernd

In dem seltener gespielten, aber mutmaßlich besten und erschütternsten Drama Gerhart Hauptmanns, Rose Bernd, bekleidet Marcus Calvin die Rolle des brutalen Arthur Streckmann. Dem naturalistischen Fünfakter von 1903 liegt eine wahre zeitgenössische Begebenheit in einem schlesischen Dorf zugrunde: Eine junge, attraktive Frau, außerehelich von ihrem Arbeitgeber geschwängert, glaubt sich von Vater, künftigem Ehemann und Dorfbewohner so in die Enge gedrängt, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sieht als ihr Neugeborenes zu töten.
Regiesseur Enrico Lübbe hat das Stück, dessen Fassung im Original etwa drei Stunden dauern würde, in seiner Inszenierung im Residenztheater auf 75 Minuten gekürzt. Entsprechend komprimiert und reduziert aufs Wesentliche sind die Figuren. In dem aus einer Schräge bestehenden Bühnenbild treten die stets präsenten Darsteller nur dann aus dem hintergründigen Schatten nach vorne ins Licht, wenn sie was zu sagen haben.
Marcus Calvin weiß die Negativfigur des Maschinisten Streckmann so zu spielen, dass die Kälte und Brutalität des Mannes sehr spürbar und manifest wird. Der Theaterbesucher traut ihm die Vergewaltigung der Titelperson Rose Bernd ohne Weiteres zu. Andererseits gelingt es ihm, die Komponente des eitlen, präpotenten Machos, der bei Frauen nur Furcht und Schrecken nicht aber Zuneigung oder Interesse auszulösen vermag, schon durch wenige körpersprachliche Andeutungen zu vermitteln. Zudem zeigt Calvin, dass ihm Dialekte nicht schwer fallen. Sein Schlesisch hört sich nahezu wie eine zweite Muttersprache an.
Christoph Oellers
Kritik:
Was aus der Entschlackung herauskommt, sind durchaus interessante Typen: [...] Schließlich Streckmann (Marcus Calvin), der wie besessen davon ist, dass es keinen Besseren und Begehrenswerteren als ihn geben kann – auch wenn er dafür Rose Bernd schließlich vergewaltigen muss.
Matthias Weigel, nachtkritik.de
Weitere Vorstellungen: 14., 20. und letzte Vorstellung 26. Juni
Käthchen von Heilbronn

In der letzten, großen Produktion von Dieter Dorn als Intendant am Bayerischen Residenztheater in München verkörpert Marcus Calvin in dem Stück von Heinrich von Kleist „Das Käthchen von Heilbronn“ den Ritter Flammberg. Flammberg ist „des Grafen Vasall“, der nächste Vertraute des Graf Wetter vom Strahl, der männlichen Hauptperson von Kleists historischem Ritterschauspiel aus dem Jahr 1810.
Calvin spielt den langen, fünfstündigen Theaterabend über mit gleichbleibender Konzentration. Seine beeindruckende baritonale Klarheit und starke körpersprachliche Präsenz fallen zu keinem Zeitpunkt, in keiner Szene ab. Sein großes Talent zum Slapstick blitzt immer wieder auf. Nicht umsonst gelten die Szene mit dem Schlossbrand (3. Akt) und die mit dem Brückeneinsturz (4. Akt) zu den lustigsten und spektakulärsten der Inszenierung. Die Auftritte hat er im übrigen in Abstimmung mit Regisseur Dorn maßgeblich selbst entwickelt.
In den ernsteren Passagen des zweiten Aktes zeigt Calvin sein dialogisches Können (Bild: mit Felix Rech u. Sunnyi Melles). Er ist dabei nicht nur als Figur Flammberg seinem Herren, dem Grafen vom Strahl, ein glaubwürdiger Helfer und Ratgeber, sondern zudem seinem Kollegen Felix Rech, der den Grafen verkörpert, ein wertvoller Partner, der Orientierung bietet und Sicherheit verleiht.
Calvin versteht es, mit Kleists romantischer, mitunter für heutige Ohren verquer anmutenden Sprache und den Wechseln zwischen ungebundener Prosa und gebundenen fünfhebigen Jamben hervorragend umzugehen - sie so zu artikulieren, dass man ihm, Calvin, mit Verständnis und Genuss zuhört.
Christoph Oellers
Weiteren Vorstellungen: 23., 24., 25., 30., 31. Mai, 3., 4., 5., 9, 11., 13., 23., 28. Juni, 1., 2., 4., 7., 8., 9. Juli
Kritik:
Marcus Calvin (Ritter Flammberg) stand seinem Lehnsherrn Friedrich dynamisch und agil zur Seite. www.theaterkritiken.com
Herrlich Shenja Lacher, Felix Rech und Marcus Calvin als durchgeknallter Ritter, ein Moment vergrößerter Erhabenheit.
Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung



